Monday, November 07, 2005

die ZIVILgesellschaft ...oder so

nun denn,
in deutschland quält sich die bürgerliche mitte zu einer großen kuschelkoalition, während die erfinder der bürgerlichkeit kurzfristig feststellen, dass ihre banlieus nicht ganz das gelbe vom ei sind.
ich formulier das mal so: demokratie, rechtsstaat, zivilgesellschaft, das hat alles auch was mit triebkontrolle zu tun. ich geh ja auch nicht raus und hau dem schaffner der mich im zug aus dem traum reisst erstmal eins auf die mütze, sondern reiche ihm ticket und bahncard... was mich nun aber an frankreich stutzig macht, ist: es handelt sich um eine, an der gesamtbevölkerung gemessen, kleine zahl von jugendlichen die krawall macht. selbst wenn es im ganzen land vielleicht 100.000 - 150.000 sein sollten (was ich gar nicht glaube), sind das immer noch weniger, als hooligans an einem normalen spieltag der premierleague. üblicherweise zerfallen solche aktionen innerhalb von 1-2 tagen und dafür sorgen familien, freunde, arbeitgeber ...sozusagen die normalität des alltags. wer randale macht, braucht unterstützung (ohne mampf kein kampf), darf nicht von mama hausarrest bekommen und auch sonst keine abhängigkeiten haben, die ihn oder sie zuhause binden. das die randale in frankreich lang anhält ist eigentlich ein (zusaätzliches) zeichen dafür, dass diese personen a) in keiner ZIVILEN gesellschaft angekommen sind, in der die normalität den exzess bremst und b) die französische gesellschaft so weit von der jugend in den vorstädten entfernt ist, dass sie gar nicht wissen, wie man ohne repression der lage herr werden kann.

1 comment:

scrooligan said...

Hm, ich denke, dass es kurzfristig nur repressive Maßnahmen gibt. Einem irrational agierenden Mob zu erklären, dass ab jetzt alles besser wird, wenn sie nur still sind, wird denen wohl kaum einleuchten. Gerade jetzt erleben sie, wie aufregend das Leben sein kann, wie toll es ist, endlich agieren zu können und Erfolge zu erzielen, wie schön es ist, mal im Mittelpunkt zu stehen und auch so etwas wie Macht zu spüren.

Zudem kommt, dass das Umfeld dieser Menschen sie zwar einbindet, aber eben keine Perspektive außerhalb des Aufstandes geben kann. In den USA greift da oft noch die Ideologie, jeder könne, wenn er sich nur anstrenge und so (was ja nun nachweislich verkehrt ist). Anderswo mag die Hoffnungslosigkeit, dass selbst ein Aufstand nichts bringen werde, Menschen ohne Perspektive ruhighalten. Die Leutchen hier zeigen wenigstens Initiative. Damit kann man arbeiten.

Zivilgesellschaft und Demokratie beruhen IMHO nicht einfach auf Triebkontrolle. Sie funktionieren nur dann, wenn die Triebe - respektive daraus resultierende Antriebskraft - in entsprechende Bahnen gelenkt werden. Im technokratischen Frankreich ist es aber schwer, die Ebenen der Macht zu erreichen, wenn man nicht schon zum Establishment gehört. Also sind Resignation oder heftigere Reaktionen die Mittel der Wahl.

Hier haben wir doch mal eine Aufgabe für die Soziologen unter uns. Die bisherigen Vernetzungen der Leute dort untereinander (Gangs z.B.) sind der Restgesellschaft wohl nicht genehm. Welche sozialen Institutionen schlägst Du denn vor, um die Menschen dort von ihrer kleinen Revolution abzuhalten?